Renaissance „alter“ Naturwerte
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Beschlinger Berg @ Georg Rauch

Renaissance „alter“ Naturwerte

Projekt "Bergheimat" gibt Anregungen zur Erhaltung und Entwicklung von Naturräumen.

Bereits seit Generationen bewirtschaftet die Familie Peßl einen Teil der Magerheuberge am Beschlingerberg in Nenzing/ Vorarlberg. Seltene Pflanzenarten wie das Knabenkraut, die Schwarzwurzel oder die Wiesensilge sind dort beheimatet – genauso wie eine Vielzahl von Brutvogelarten. Darunter der Baumpieper, eine Leitart für intakte Kulturlandschaften.

Sein Schwiegervater hat die Wiesen noch mit der Sense gemäht. Heute ist Markus Peßl mit dem Motormäher unterwegs. Im Juli werden die Magerheuwiesen gemäht, im September die Riedflächen – kalkreiche Niedermoore, die mosaikartig im Gelände eingesprengt sind. Nach der Mahd wird die Streu in die Ebene zum Trocknen gebracht. Die ganze Familie hilft mit, auch Freunde sind dabei. 14 Hektar Mager- und Streuwiesen bewirtschaftet die Familie, davon 5,5 Hektar Streue. Letztere haben 35 Rundballen für das eigene Vieh zum Ergebnis – darunter 15 Zuchtstiere, 10 Milchkühe und ein paar Kälber. „Die Flächen haben ihren eigenen Charakter, aber wenn man sie nicht bewirtschaften würde, würde uns der Wald in das Wohnzimmer wachsen“, weiß der Bauer.  

Landschaft geht verloren

Ein Blick auf den Luftbildvergleich macht das Ausmaß deutlich. Nur noch ein Bruchteil der parkähnlichen Landschaft aus den 1950er-Jahren ist heute noch vorhanden. Birken, Fichten und Tannen haben das Gebiet erobert und gefährden den Landschaftsraum und damit den Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere, die auf diese offene Landschaft angewiesen sind. In nur zehn Minuten ist der Beschlingerberg vom Ortszentrum Nenzing erreichbar – und gehört daher zu den wichtigen Naherholungsräumen der Region.

Sukzessive Umsetzung

Das Projekt Bergheimat wurde im Jahre 2002 von der Gemeinde initiiert. Der Bestand aller Naturwerte in Nenzing wurde erhoben und analysiert und Anregungen zur Erhaltung und Entwicklung der Naturräume gemacht. Der Biologe Georg Amann und sein Planer-Kollege Georg Rauch schufen für den inzwischen verstorbenen Umweltausschussobmann Markus Ammann und dessen Team eine parzellenscharfe Maßnahmen-Grundlage, die in den darauffolgenden Jahren sukzessive umgesetzt wurde. Viele Gespräche mit Landwirten und Grundbesitzern folgten. Vereine, Schulen und auch Unternehmen beteiligten sich an der Entholzung vorgegebener Bereiche. Mit Unterstützung der „Allianz in den Alpen“ konnten Fördergelder aus Stiftungen, Land, Bund und EU lukriert werden. „Das Projekt animierte unterschiedliche Landwirte, die Bewirtschaftung wiederaufzunehmen. Und das Bewusstsein in der Bevölkerung wurde geschärft“, so Peßl.

Umsetzung als Vorbild

Heute ist die Erhaltung der offenen Landschaftsräume in den Hangzonen von Nenzing ein politisches Ziel, festgehalten im aktuellen Räumlichen Entwicklungskonzept (REK 2015). Der Grund: Die Räume werden als „wichtiger Bestandteil der Wohn- und Lebensqualität“ in Nenzing wahrgenommen. Das Entwicklungskonzept und die partizipative Umsetzung am Beschlingerberg und anderen Gebieten des Projektgebietes „Bergheimat“ gelten als Vorbild.

„Es wäre schade, wenn alles wieder zuwachsen würde und die jahrelange Arbeit umsonst gewesen wäre“, ist der Landwirt überzeugt. Daher haben der neue Umweltausschuss und das Naturvielfalt-Team rund um Elfriede Ribbers das stagnierende Projekt wiederaufgenommen. „Wir wollen das Projekt Bergheimat weiterführen und so die schönen, artenreichen Gebiete Nenzings auch für die Zukunft erhalten“, so die Obfrau des Umweltausschusses.

Interview, geführt von Katrin Löning, aus: Nahaufnahmen, Naturvielfalt in der Gemeinde –Nachlese Nummer 4, Hrsg. Amt der Vorarlberger Landesregierung, Abt. Umwelt- und Klimaschutz, Bregenz, 2017