Was uns im ersten Halbjahr 2026 bewegt hat

Das erste Halbjahr 2026 stand bei Allianz in den Alpen ganz im Zeichen einer Frage: Wie können Gemeinden im Alpenraum handlungsfähig bleiben – angesichts von Klimarisiken, knappen Flächen, demografischem Wandel, begrenzten Ressourcen und wachsenden Erwartungen an eine nachhaltige Entwicklung?

Die Antwort darauf war auch in den vergangenen Monaten für unser Netzwerk: nicht allein diskutieren, sondern gemeinsam lernen, ausprobieren und Werkzeuge entwickeln, die Gemeinden in ihrer täglichen Arbeit konkret unterstützen.

Lebensqualität wird zur kommunalen Aufgabe

Ein Schwerpunkt lag im ersten Halbjahr auf dem Projekt GOVQoL. Es geht darum, wie Gemeinden Lebensqualität nicht nur beschreiben, sondern strategisch verbessern können. Denn Lebensqualität entsteht dort, wo Menschen wohnen, arbeiten, sich begegnen, mobil sind, Unterstützung finden und mitentscheiden können: in den Gemeinden.

Im Februar und März brachten zwei Webinare Beispiele aus verschiedenen Alpenländern zusammen. Diskutiert wurde, wie Bürgerbeteiligung, leerstehende Gebäude, neue Treffpunkte, freiwillige Fahrdienste, mobile Dienstleistungen oder Zertifizierungen helfen können, Ortskerne zu beleben und soziale Infrastruktur zu stärken. Dabei wurde deutlich: Gute Gemeindepolitik braucht Daten, Ziele und Monitoring – aber ebenso Vertrauen, Beteiligung und die Bereitschaft, von anderen zu lernen.

Bis Ende des Jahres wird dieser Ansatz in Pilotregionen weiter konkretisiert. In Grassau, Nenzing, der LEADER-Nationalpark Region Kalkalpen und Weyer arbeiten Gemeinden und Regionen daran, Lebensqualität in konkrete lokale Prozesse zu übersetzen. Die Themen reichen von Verbesserung der Freizeitinfrastruktur, Quartiersentwicklung und Ortskernbelebung über Jugendbeteiligung und Ehrenamt bis hin zu Mobilität, Leerstand und sozialen Treffpunkten. Damit wird GOVQoL vom theoretischen Konzept zum praktischen Werkzeug für kommunale Entwicklung.

Nachhaltig beschaffen – gemeinsam statt allein

Ein zweiter großer Meilenstein war der Abschluss des Projekts proCURE. Zweieinhalb Jahre lang arbeiteten Partnerorganisationen aus Deutschland, Österreich, Italien und Slowenien daran, nachhaltige öffentliche Beschaffung für kleine und mittlere Gemeinden einfacher zugänglich zu machen.

Im März fand das letzte Webinar im Projektzeitraum statt. Im Mittelpunkt stand die gemeinsame Beschaffung: Wenn mehrere Gemeinden ihre Bedarfe bündeln, können sie nicht nur bessere Bedingungen erzielen, sondern auch Fachwissen teilen, Verwaltungsaufwand reduzieren und Nachhaltigkeitskriterien stärker verankern. Gerade kleinere Gemeinden, die häufig mit wenig Personal und begrenzten Mitteln arbeiten, gewinnen dadurch neue Handlungsspielräume.

Aus proCURE sind mehrere konkrete Ergebnisse hervorgegangen: ein praxisnahes Handbuch, Vorlagen und Tools, ein Leitfaden zur gemeinsamen Beschaffung, ein Curriculum für Verwaltungsschulen, ein Train-the-Trainer-Angebot sowie ein mehrsprachiger Podcast. Damit endet das Projekt nicht einfach mit einem Abschlussbericht. Es hinterlässt Materialien, die Verwaltungen, Ausbildungseinrichtungen und Multiplikator:innen auch langfristig nutzen können.

Der Kern der Botschaft ist einfach: Nachhaltige Beschaffung muss kein zusätzlicher bürokratischer Aufwand sein. Richtig organisiert, wird sie zu einem Hebel für Klimaschutz, Ressourcenschonung, faire Arbeitsbedingungen, regionale Wertschöpfung und professionellere Verwaltungsprozesse.

Naturbasierte Lösungen für klimaresiliente Gemeinden

Wie Klimawandelanpassung vor Ort konkret aussehen kann, zeigt auch das Projekt zu naturbasierten Lösungen für klimaresiliente Gemeinden. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gemeinden natürliche Prozesse, Ökosysteme und grüne und blaue Infrastruktur nutzen können, um widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels zu werden.

Allianz in den Alpen arbeitet dafür mit drei Pilotgemeinden zusammen: der Biosphärenregion Großes Walsertal, Buchs im Kanton St. Gallen und Ruggell in Liechtenstein. Jede Pilotgemeinde bringt eigene Ausgangsbedingungen und Schwerpunkte ein. Dadurch entsteht ein breites Bild davon, wie naturbasierte Lösungen in unterschiedlichen alpinen und voralpinen Kontexten umgesetzt werden können.

Erste Workshops haben bereits stattgefunden. In der Biosphärenregion Großes Walsertal ging es um Waldumbau und klimafitte Wälder: Welche Baumarten und Bewirtschaftungsformen helfen, Wälder robuster gegenüber Hitze, Trockenheit, Sturmereignissen oder Schädlingsdruck zu machen? Und welche Rolle spielen Wälder für Schutzfunktionen, Biodiversität, Landschaft und lokale Lebensqualität?

In Buchs stand das Thema Stadtgrün im Mittelpunkt, insbesondere Dach- und Fassadenbegrünung. Gerade in dichter bebauten Räumen können begrünte Dächer, Fassaden, Plätze und Straßenräume dazu beitragen, Hitze zu reduzieren, Regenwasser zurückzuhalten, Biodiversität zu fördern und Aufenthaltsqualität zu verbessern. Klimaanpassung wird damit nicht nur als Schutzmaßnahme sichtbar, sondern auch als Beitrag zu attraktiveren Orts- und Stadträumen.

Ein weiterer Workshop wird in Ruggell stattfinden. Dort stehen Wiedervernässung und natürlicher Hochwasserschutz im Fokus. Das Thema zeigt besonders deutlich, wie eng Klimaanpassung, Wasserhaushalt, Flächennutzung und Naturschutz zusammenhängen. Intakte oder wiederhergestellte Feuchtgebiete können Wasser speichern, Hochwasserspitzen abmildern, Lebensräume schaffen und zugleich zur Klimavorsorge beitragen.

Ziel des Projekts ist es, aus den Erfahrungen der Pilotgemeinden Handlungsempfehlungen für Gemeinden zu entwickeln. Sie sollen zeigen, wie naturbasierte Lösungen in der kommunalen Klimawandelanpassung geplant, umgesetzt und verstetigt werden können – praxisnah, übertragbar und anschlussfähig an die Realität kleiner und mittlerer Gemeinden im Alpenraum.

Boden verhandeln statt versiegeln

Auch die Frage der Raumnutzung beschäftigte das Netzwerk im ersten Halbjahr intensiv. Im Rahmen des EU-Projekts BrokeringSpaces fand im März ein Workshop in Balderschwang statt. Rund 20 Vertreter:innen aus Gemeinderat, Verwaltung, Raumplanung und Fachstellen diskutierten dort, wie Ortsentwicklung unter alpinen Bedingungen gelingen kann.

Balderschwang zeigt beispielhaft, worum es in vielen Alpengemeinden geht: Der verfügbare Raum ist knapp, die Landschaft sensibel, Schutzgebiete und geologische Risiken setzen Grenzen, gleichzeitig bestehen Bedürfnisse nach Wohnen, Tourismus, Landwirtschaft, Gewerbe und Infrastruktur. BrokeringSpaces unterstützt Gemeinden dabei, solche Nutzungskonflikte frühzeitig sichtbar zu machen und konstruktiv zu bearbeiten.

Ein weiterer wichtiger Schritt im Projekt war ein Partnermeeting in Südtirol. Dort diskutierten die Projektpartner gemeinsam mit zahlreichen lokalen Stakeholdern das Thema Raumnutzung aus unterschiedlichen Perspektiven: Wie lassen sich konkurrierende Nutzungsansprüche sichtbar machen? Wie können Gemeinden zwischen Schutz, Entwicklung, Wohnen, Landwirtschaft, Tourismus und lokaler Wirtschaft vermitteln? Und welche Rolle spielen Beteiligung, gute Planung und regionale Zusammenarbeit?

Besonders anschaulich wurde das Thema bei Exkursionen in zwei Orte. Sie machten deutlich, dass Raumnutzung im Alpenraum nie abstrakt ist. Sie zeigt sich in konkreten Ortsbildern, in Verkehrs- und Siedlungsstrukturen, in leerstehenden oder umgenutzten Gebäuden, in landwirtschaftlichen Flächen, touristischer Infrastruktur und sensiblen Landschaftsräumen. Die Diskussionen vor Ort ergänzten die fachliche Arbeit im Projekt um praktische Eindrücke und lokale Erfahrungen.

Die Gespräche in Balderschwang und Südtirol zeigen: Nachhaltige Raumentwicklung ist nicht nur eine planerische Frage. Sie berührt Baukultur, soziale Bedürfnisse, Naturschutz, lokale Wirtschaft und die Frage, wie Gemeinden mit bestehenden Gebäuden und Flächen umgehen. Ein wichtiger Ansatz bleibt dabei, vorhandene Potenziale besser zu nutzen, bevor neue Flächen beansprucht werden.

Klimavorsorge inklusiv denken

Mit CLIM·IN startete im Winter ein neues Projekt, das einen weiteren wichtigen Akzent setzt. Klimavorsorge wird hier ausdrücklich als soziale Aufgabe verstanden. Hitzewellen, Überschwemmungen, Waldbrände und andere Extremwetterereignisse treffen nicht alle Menschen gleich. Besonders ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, gehörlose Menschen oder sozial und geografisch benachteiligte Personen werden durch bestehende Informations- und Notfallstrukturen oft nicht ausreichend erreicht.

CLIM·IN unterstützt kleinere lokale Behörden dabei, Klimaanpassung, Katastrophenvorsorge und Risikokommunikation barriereärmer, verständlicher und lebensnäher zu gestalten. Dafür sollen unter anderem Selbsteinschätzungsinstrumente, Lernmaterialien und Outreach-Methoden entstehen. Wichtig ist: Vulnerable Gruppen werden nicht nur als Zielgruppen betrachtet, sondern als Expert:innen ihrer eigenen Lebensrealität einbezogen.

Das zeigt ganz klar: Klimavorsorge ist nicht nur Technik, Planung oder Verwaltung. Sie ist auch eine Frage von Teilhabe, Zugänglichkeit und sozialer Gerechtigkeit.

Neues Projekt: ReSkiLience

Erfreuliche Nachrichten gab es auch aus dem letzten Projektaufruf des Interreg Alpenraumprogramms: Mit ReSkiLience wurde ein neues Projekt mit Beteiligung von Allianz in den Alpen genehmigt. Der Projektstart ist für September vorgesehen.

Im Mittelpunkt steht ein Thema, das viele alpine Regionen zunehmend beschäftigt: obsolete Skiinfrastruktur. Viele Skigebiete und Gemeinden stehen vor der Frage, wie sie mit Anlagen, Flächen und baulichen Strukturen umgehen, die unter veränderten klimatischen, wirtschaftlichen oder touristischen Bedingungen nicht mehr zukunftsfähig sind. ReSkiLience setzt genau hier an und eröffnet die Möglichkeit, gemeinsam mit Partnern aus dem Alpenraum neue Perspektiven für den Umgang mit dieser Infrastruktur zu entwickeln.

Damit knüpft das Projekt an zentrale Fragen an, die Allianz in den Alpen seit Jahren beschäftigen: Wie können Gemeinden vorausschauend planen? Wie lassen sich Landschaft, lokale Wirtschaft und Lebensqualität zusammen denken? Und wie kann Transformation so gestaltet werden, dass sie nicht als Verlust, sondern als Chance für resiliente alpine Räume verstanden wird?

Ein Netzwerk, das Gemeinden verbindet

Neben den einzelnen Projekten zeigte das erste Halbjahr 2026 vor allem eines: Die Herausforderungen der Alpengemeinden sind vielfältig, aber selten einzigartig. Viele Orte stehen vor ähnlichen Fragen – nur unter unterschiedlichen lokalen Bedingungen.

Das Netzwerk bringt Gemeinden, Fachleute und Partnerorganisationen zusammen, macht Erfahrungen sichtbar und übersetzt große Themen in kommunale Praxis. Ob Lebensqualität, Beschaffung, naturbasierte Klimawandelanpassung, Raumnutzung, Klimavorsorge oder der künftige Umgang mit touristischer Infrastruktur: Im Mittelpunkt steht immer die Frage, was vor Ort tatsächlich funktioniert.

Das erste Halbjahr 2026 war damit kein Halbjahr der großen Schlagworte, sondern eines der konkreten Schritte: Webinare, Workshops, Leitfäden, Pilotprozesse, Podcasts, Projektabschlüsse, neue Projektstarts und intensive Begegnungen vor Ort. Es zeigt, wie nachhaltige Entwicklung in den Alpen gelingen kann – nicht von oben verordnet, sondern gemeinsam entwickelt, grenzüberschreitend getragen und in den Gemeinden umgesetzt.

Ausblick: Tagung, Mitgliederversammlung und Strategieprozess in Berbenno

Der nächste wichtige Treffpunkt des Netzwerks steht bereits fest: Am 17. und 18. September kommt das Gemeindenetzwerk Allianz in den Alpen in Berbenno, Italien, nahe Bergamo, zusammen. Die Tagung wird mit der Mitgliederversammlung, einem Strategieentwicklungsprozess und einer Exkursion verbunden.

Damit richtet das Netzwerk den Blick nicht nur auf die laufenden Projekte, sondern auch auf die eigene Zukunft: Welche Themen sollen in den kommenden Jahren stärker im Mittelpunkt stehen? Wie kann die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsgemeinden weiterentwickelt werden? Und welche Rolle kann Allianz in den Alpen in einer Zeit übernehmen, in der Gemeinden im Alpenraum immer stärker gefordert sind?

Berbenno wird damit zu einem Ort des Austauschs, der gemeinsamen Standortbestimmung und der nächsten Schritte.