AidA-Pilotregionen in Deutschland und Österreich: Aktueller Projektstand in GOVQoL
Das GOVQoL-Projekt arbeitet mit alpinen Gemeinden und Regionen zusammen, um lokale Governance, Beteiligung und strategisches Handeln für eine bessere Lebensqualität zu stärken. In Deutschland und Österreich konzentrieren sich die Pilotaktivitäten auf vier Gebiete: Grassau in Bayern, Nenzing in Vorarlberg, die LEADER-Nationalpark Region Kalkalpen und die Marktgemeinde Weyer in Oberösterreich. Obwohl sich diese Pilotgebiete in Größe, Verwaltungsstruktur und territorialen Rahmenbedingungen unterscheiden, teilen sie gemeinsame Herausforderungen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel, lokalen Dienstleistungen, Mobilität, sozialem Zusammenhalt, nachhaltiger Entwicklung und dem Bedarf an stärker strukturierter Beteiligung.
In Deutschland ist die GOVQoL-Pilotgemeinde Grassau, ein Markt im bayerischen Chiemgau in der Nähe des Chiemsees. Grassau profitiert von einer hohen Lebensqualität, einer starken naturräumlichen Lage, aktiven Gemeindestrukturen, Tourismus, lokalen Unternehmen und einer guten Grundversorgung. Gleichzeitig steht die Gemeinde unter zunehmendem Wohnraumbedarf, steigenden Grundstückspreisen, Verkehrsbelastungen durch Pendeln und Tourismus, demografischer Alterung sowie der Herausforderung, lokale Entwicklung mit Landschaftsschutz in Einklang zu bringen. Innerhalb von GOVQoL liegt der Schwerpunkt in Grassau insbesondere auf der Quartiersentwicklung. Der erste Workshop brachte den Bürgermeister, Mitglieder des Gemeinderats sowie den Bau- und Ortsentwicklungsausschuss zusammen, um erste Ideen zur Verbesserung der Lebensqualität in einem Ortsteil zu diskutieren. Beteiligung besteht in Grassau derzeit vor allem über formelle Planungsverfahren und lokalen Dialog, ist jedoch noch nicht systematisch in die alltägliche Governance eingebettet. Die nächsten Projektschritte zielen darauf ab, den GOVQoL-Prozess mit lokalen Beteiligungsformaten zu verknüpfen, darunter ein Ortsteilfest und Aktivitäten zur Ideensammlung mit Bürgerinnen und Bürgern.
Nenzing in Vorarlberg ist eine österreichische Marktgemeinde mit guter Grundversorgung, Zugang zur Natur, Kultur- und Freizeitangeboten, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kinderbetreuung und aktiven lokalen Vereinen. Der Pilotprozess in Nenzing konzentriert sich stark auf Lebensqualität in Bezug auf Freizeitwert, Erholung und soziale Treffpunkte. Der erste Workshop fand im Oktober 2025 mit dem Bürgermeister, Mitgliedern der Gemeindevertretung und Tourismusvertreterinnen und -vertretern statt. Die Teilnehmenden diskutierten, was Nenzing zu einem guten Wohnort macht, welche Räume und Strukturen zur Lebensqualität beitragen und wie individuelle Bedürfnisse besser berücksichtigt werden können. Als zentrale Herausforderungen wurden ein wenig attraktives und untergenutztes Ortszentrum, Leerstände, Verkehrslärm, der Rückgang traditioneller Gasthäuser, fehlende kleine Kulturräume und der Bedarf an stärkeren professionellen Strukturen im Tourismus identifiziert. Der aktuelle Stand zeigt, dass der erste Workshop wichtige Ideen hervorgebracht hat, der Prozess jedoch durch Stakeholder-Interviews, direkten Austausch und eine klarere lokale Lebensqualitätsstrategie weiter gefestigt werden muss. Künftige Maßnahmen könnten verbesserte öffentliche Treffpunkte, Jugendbeteiligung, kulturelle und generationenübergreifende Aktivitäten, Unterstützung für Vereine und Ehrenamt, bessere Tourismus- und Freizeitinfrastruktur sowie regelmäßiges Bürgerfeedback umfassen.
Die LEADER-Nationalpark Region Kalkalpen ist ein weiteres österreichisches Pilotgebiet. Sie umfasst 22 Gemeinden in Oberösterreich und ist geprägt durch den Nationalpark Kalkalpen, naturbasierten Tourismus, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, regionale Produkte und eine starke interkommunale Zusammenarbeit. Die Region verfügt über eine hohe Umweltqualität und eine starke lokale Identität, steht jedoch auch vor typischen ländlich-alpinen Herausforderungen: periphere Lage, eingeschränkte Erreichbarkeit, demografischer Wandel, Abwanderung junger Menschen, Abhängigkeit von einer schmalen wirtschaftlichen Basis, Belastungen durch den Klimawandel und die Notwendigkeit, Naturschutz und Entwicklung miteinander zu verbinden. Innerhalb von GOVQoL konzentriert sich der Pilotprozess insbesondere auf Bürgerbeteiligung und freiwilliges Engagement. Der erste Workshop behandelte Smart Villages, Digitalisierung als Chance für ländliche Räume, die Bedeutung von Bürgerbeteiligung und die Rolle des Ehrenamts für die Lebensqualität. Ein zweiter Workshop fand im Mai 2026 mit einem stärkeren Fokus auf zivilgesellschaftliches Engagement und Freiwilligenarbeit statt. Die Region verfügt bereits über projektbezogene Beteiligung durch LEADER-Prozesse und freiwilliges Engagement in den Bereichen Naturschutz, Kultur und soziale Dienste. Ein eigenes Monitoring-System für Lebensqualität besteht jedoch noch nicht. Die geplante Roadmap könnte kommunale Freizeitpläne, Dorfwerkstätten, Jugendforen, lokale Freiwilligenprogramme, Kleinprojektfonds für Vereine, gemeinsame Mobilitätslösungen und ein einfaches jährliches Monitoring der Lebensqualität auf Basis von Bürgerfeedback und Projektbewertungen umfassen.
Weyer, ebenfalls in Oberösterreich gelegen, ist eine ländliche Marktgemeinde im Ennstal und Teil der Kalkalpenregion. Weyer ist geprägt durch Streusiedlungen, ausgedehnte Waldflächen, KMU, Handel, Dienstleistungen, Bauwirtschaft, Tourismus, Forstwirtschaft und Landwirtschaft. Die lokalen Herausforderungen für die Lebensqualität hängen stark mit demografischer Alterung, Bevölkerungsrückgang, Pendeln, der Bereitstellung von Dienstleistungen in einem großen Gemeindegebiet und der Notwendigkeit zusammen, das Ortszentrum zu stärken. Im GOVQoL-Piloten liegt der Fokus auf dem „Unteren Markt“, einem zentralen Bereich, der von Leerstand, funktionalen Schwächen und Transformationsdruck nach der Umfahrung 2025 betroffen ist. Weyer benötigt ein realistisches und breit getragenes Handlungskonzept, um den Bereich zu reaktivieren und seine Rolle als sozialer und wirtschaftlicher Treffpunkt zu stärken. Zu den aktuellen Projektaktivitäten gehören Interviews mit Eigentümerinnen und Eigentümern sowie angrenzenden Akteuren, eine Bewertung lokaler Bedarfe und Potenziale sowie die Identifikation von Handlungsfeldern wie aktive Erdgeschosszonen, Wohnen, Begegnungsräume und soziale Infrastruktur. Weitere Schritte umfassen einen partizipativen Workshop oder eine Fokusgruppe mit wichtigen lokalen Akteuren, die Entwicklung einer gemeinsamen Vision und die Ausarbeitung einer konkreten Roadmap mit umsetzbaren Maßnahmen.
Insgesamt zeigen die GOVQoL-Piloten in Deutschland und Österreich, dass Lebensqualität in alpinen Gemeinden nicht nur eine Frage von Dienstleistungen oder Infrastruktur ist, sondern auch von Governance, Beteiligung, sozialem Zusammenhalt und der Fähigkeit, lokale Bedürfnisse in konkrete Maßnahmen zu übersetzen. Grassau, Nenzing, die Nationalpark Region Kalkalpen und Weyer verfügen alle über starke Potenziale: attraktive Landschaften, lokale Vereine, Grundversorgung und regionale Kooperationsstrukturen. Gleichzeitig benötigen sie systematischere Ansätze für Beteiligung, Monitoring und strategische Entscheidungsfindung. Der aktuelle Projektstand zeigt, dass sich die Piloten von ersten Analysen und Workshops hin zu konkreteren Roadmaps weiterentwickelt haben. Die nächste Phase wird entscheidend dafür sein, identifizierte Herausforderungen und lokale Ideen in praktische Maßnahmen zu überführen, die die Lebensqualität verbessern und die lokale Governance langfristig stärken können.