Rückblick auf das GOVQoL-Webinar „Kommunale Labels und Zertifizierungen als Instrument zur Verbesserung der lokalen Lebensqualität“

Was macht einen Ort lebenswert? Wie können Alpengemeinden eine hohe Lebensqualität für alle Generationen bewahren? Und wie lässt sich das Konzept Lebensqualität in kommunale Verwaltungen integrieren als Kompass für gute Entscheidungsfindung?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Projekts GOVQoL, ein Interreg Alpine Space Projekt, das sich inzwischen seit einem Jahr mit der Thematik auseinandersetzt und für Gemeinden im Alpenraum hilfreiche Werkzeuge erarbeitet.

Unter anderem ein Good Practice Handbuch, das schrittweise erklärt, wie das Konzept Lebensqualität als Entscheidungsgrundlage für die lokale Ebene funktioniert und wie sich dieses in ihrer Verwaltung integrieren lässt.

Essenziell ist es dabei, dass Gemeinden in 3 Schritten vorgehen:

  • Analyse der Ausgangssituation
  • Ziele und Maßnahmen bestimmen und umsetzen
  • Monitoring, um nachzuvollziehen ob die Maßnahmen Wirkung zeigen und tatsächlich zur Steigerung der Lebensqualität beitragen

Einen solchen strategischen Prozess einzuführen kann Gemeinden vor große Herausforderungen stellen. Hierbei können Zertifizierungen eine gute Hilfestellung bieten. Es sind für ein bestimmtes Thema Indikatoren bereits fixiert und die Gemeinde kann in diesem vorgegebenen Rahmen eine Evaluation durchführen und auch das entsprechende Monitoring vornehmen. Oft bieten Zertifizierungen auch den Vorteil einer externen Begleitung und ein Netzwerk mit anderen gleichgesinnten Gemeinden, die am selben Thema arbeiten.

Im Webinar wurden sechs Beispiele vorgestellt zu Zertifizierungen, die allesamt dazu beitragen können, die Lebensqualität zu verbessern.

Katharina Gasteiger, Geschäftsführerin Allianz in den Alpen, stellte das erarbeitete GOVQoL-Handbuch vor. Das Handbuch, das im Sommer erscheinen wird, wird es in allen Alpensprachen sowie auf Englisch geben. Die Teilnehmer:innen des Webinars konnten mittels menti.com live Feedback zum Handbuch geben, indem sie folgende Fragen beantworteten:

  • Haben Sie in der Gemeinde schon eine strukturierte Analyse der Lebensqualität gemacht?
  • Welche Elemente aus dem Management Kreislauf setzt Ihre Gemeinde am besten um?
  • Nutzt Ihre Gemeinde bereits Daten oder Trend Analysen?
  • Wo sehen Sie die größte Lücke im Strategieprozess Ihrer Gemeinde?
  • Was braucht ein Handbuch aus Ihrer Sicht, um nützlich zu sein?
  • Was würde Ihnen am meisten helfen?

In einem kurzen Interview mit Erblin Berisha, Politechnische Universität Turin, der im Projekt GOVQoL mitarbeitet und unter anderem ein Kapitel für das Handbuch verfasst hat, konnten die Teilnehmer des Webinars erfahren, wie man gekonnt Ziele und Prioritäten setzt. Dabei erklärte er die Bedeutung von Makro- und Mikro-Trends und welche Bedeutung diese in einem Strategieprozess haben.

Daniel Schuster, Erster Bürgermeister der Gemeinde Mäder in der Region am Kumma in Vorarlberg, stellte das Konzept der Gemeinwohlökonomie vor, die als alternatives Konzept zu unseren Wirtschaftssystemen gilt. Ziele dieser Idee sind nicht Geld und Wachstum, sondern vielmehr ein gutes Zusammenleben, eine möglichst hohe Lebensqualität und eine gute Lebensgrundlage für alle Beteiligten. Nachdem sich zunächst nur Firmen zertifizieren lassen konnten, kann das Konzept inzwischen auch auf Gemeinden übertragen werden. Daniel Schuster hat in seinem Beitrag vorgestellt, wie der Zertifizierungs-Prozess in der Gemeinde ablief und wie seine Gemeinde das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie umsetzt und lebt.

In einem weiteren Beitrag hat Sophie Keßler vom Landratsamt Reutlingen in Baden-Württemberg das Zertifikat „Gesunde Gemeinde – Gesunde Stadt“ sowie den Zertifizierungsprozess vorgestellt. Der Prozess beginnt dabei mit der Aufdeckung von lokalen Ressourcen und Besonderheiten und der Frage: Wo steckt in unserer Gemeinde die Gesundheit schon drin? Das Konzept gibt einen Rahmen vor, der kein fertiges Angebot beinhaltet, sondern bei dem es um eine individuelle Entwicklung vor Ort geht.

Von der Gesundheit zur Jugend: In einem kurzen Interview mit Katharina Gasteiger hat Judith Augsburger von der Gemeinde Ruggell in Liechtenstein vorgestellt, wie die Gemeinde das UNICEF-Zertifikat „Kinderfreundliche Gemeinde“ nutzt, um die Arbeit mit Familien und die Angebote für Kinder, Jugendliche und Senioren zu verbessern. Eine große Errungenschaft ist zum Beispiel die privat geführte Spielgruppe für 3- bis 4-jährige Kinder, deren Besuch seit 2 Jahren von der Gemeinde gefördert wird und nun kostenlos ist. Das ermöglicht es den Eltern, während der Betreuungszeit wieder arbeiten zu gehen, bevor die Kinder mit dem Kindergarten starten. Kindern und Jugendlichen in der Gemeinde Ruggell ist es bewusst, dass sie in einer kinderfreundlichen Gemeinde leben – die Beteiligung und Mitwirkung an Aktionen ist immer sehr rege, der Zuzug von außen ist ziemlich groß. Alle vier Jahre erfolgt eine Re-Zertifizierung. Der klare Rahmen der Zertifizierung kann dabei helfen, die Arbeit einer Gemeinde zu verbessern – und die regelmäßige Überprüfung hilft dabei, dass es keine Alibiübung bleibt.

In einem Beitrag aus Turin hat GOVQoL Projektpartnerin Chiara Lucchini von Urban Lab die partizipative Initiative „Stimmen aus der Nachbarschaft / Voci di quartiere“ vorgestellt. Mit dem Projekt soll der (dauerhafte) Dialog zwischen Stadtverwaltung und Bürger:innen gefördert werden, Bedürfnisse und Ideen sollen so besser sichtbar gemacht werden.

Um sozialen Zusammenhalt und die Bedeutung des Ehrenamtes im ländlichen Raum ging es im Beitrag von Miha Pustavrha aus Crna na Koroskem in Slowenien. Die Gemeinde ist bereits seit 2014 mit dem Zertifikat einer Ehrenamts-freundlichen Gemeinde ausgezeichnet. Die Initiative organisiert zum Beispiel Workshops, traditionelle Feste, die touristische Woche (bereits zum 17. Mal) und vieles mehr.

Im letzten Beitrag ging der Blick in die französischen Seealpen in die Gemeinde Marie – Bürgermeister Gérard Steppel hat erklärt, wie sich das Qualitätssiegel „Ville et village fleuris“ (Blühende Städte und Dörfer), das es bereits seit über 65 Jahren gibt, auf das Ortsbild und die Lebensqualität in seinem Ort auswirkt. Kommunen, die dieses Label tragen wollen, werden aktiv in ihrer Entwicklung unterstützt: von der Gestaltung öffentlicher Räume, über Schutz von Ressourcen, Wasser- und Umweltmanagement, bis hin zu Bürger:innenbeteiligung und touristischer Attraktivität.

Weitere Infos zum Projekt GOVQoL gibt es hier – Updates zum Handbuch gibt es bald auf unserer Website sowie auf unseren Social Media Kanälen.