Katastrophenschutz für alle: EU-Projekt CLIM·IN im Chiemgau

Wie können vulnerable Gruppen bei Evakuierungsplänen, Übungen und der Kommunikation im Katastrophenfall besser mitgedacht werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Partnerinnen und Partner des EU-Projekts CLIM·IN bei einem internationalen Treffen im Chiemgau. Das Gemeindenetzwerk „Allianz in den Alpen“ e.V. mit Geschäftsstelle in Übersee war durch Geschäftsführerin Katharina Gasteiger und Projektleiterin Maya Knevels vertreten. Weitere Projektpartner reisten aus München, Bergerac in Frankreich, Turin in Italien und Rijeka in Kroatien an.

CLIM·IN ist ein europäisches Erasmus+-Projekt, das kleine Gemeinden dabei unterstützt, sich besser auf klimabedingte Risiken vorzubereiten und dabei insbesondere vulnerable Gruppen einzubeziehen. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die bei Extremwetterereignissen und Katastrophenlagen besonderen Schutz, verständliche Informationen und barrierearme Beteiligungsmöglichkeiten benötigen – etwa Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen, Pflegebedürftige, Kinder oder Menschen mit gesundheitlichen, sozialen oder geografischen Benachteiligungen.

Ein zentraler Programmpunkt war der Austausch in Unterwössen mit Bürgermeister Johannes Weber, Andreas Weber von der Lebenshilfe sowie dem Kommandanten der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Besonders deutlich wurde dabei, wie vielfältig die Anforderungen an eine inklusive Katastrophenvorsorge sind. Menschen mit kognitiven oder körperlichen Beeinträchtigungen, Seniorinnen und Senioren, Pflegebedürftige und Kinder haben im Ernstfall sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Gleichzeitig zeigte der Austausch, dass viele dieser Gruppen in bestehenden Strukturen bereits sichtbar sind – etwa in Einrichtungen wie der Lebenshilfe, Seniorenheimen oder Kinderheimen –, andere vulnerable Personen jedoch alleine zu Hause leben und dadurch schwerer erreichbar sind.

In Unterwössen finden bereits jährliche Evakuierungsübungen statt, die vor allem auf die Abläufe der Ersthelferinnen und Ersthelfer sowie der Feuerwehr ausgerichtet sind. Für die Projektpartner von CLIM·IN war besonders spannend zu diskutieren, wie solche Übungen künftig noch stärker aus Perspektive der betroffenen Menschen selbst gedacht werden können: Welche Informationen brauchen Bewohnerinnen und Bewohner? Wer erklärt Abläufe in verständlicher Sprache? Wie können Mitarbeitende in Einrichtungen Schritt für Schritt für ihre Verantwortung sensibilisiert werden. 

Dabei wurde auch deutlich: Inklusive Katastrophenvorsorge muss nicht immer mit großen Investitionen beginnen. Gerade in sozialen Einrichtungen können einfache Maßnahmen wie Checklisten, Leitfäden, klare Zuständigkeiten und regelmäßige Gespräche viel bewirken. Für umfassende Strategien und große Planungsprozesse fehlen häufig die finanziellen und personellen Ressourcen. Umso wichtiger sind praxistaugliche Instrumente, die kleine Gemeinden und lokale Einrichtungen im Alltag nutzen können.

Drei große Herausforderungen standen im Mittelpunkt des Austauschs: Erstens müssen Gemeinden mit sehr unterschiedlichen Risiken umgehen – von Starkregen, Hochwasser und Hitze bis hin zu Feuer, Schnee und weiteren Extremwetterereignissen. Zweitens sind vulnerable Gruppen sehr heterogen: Dazu zählen ältere Menschen, Kinder, Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Manche sind in Einrichtungen organisiert, andere leben alleine zu Hause. Drittens sind die administrativen Verantwortlichkeiten im Risikomanagement oft komplex. Je nach Thema und Lage können Gemeinde, Landkreis, Bezirk oder Bundesland zuständig sein. Für die praktische Planung vor Ort ist daher wichtig, Zuständigkeiten klar zu benennen und die Zusammenarbeit zwischen den Ebenen zu stärken.

In Ruhpolding tauschte sich die Delegation mit Bürgermeister Justus Pfeifer aus. Ein Schwerpunkt war der Waldbrand am Saurüsselkopf Anfang Mai und die Kommunikation mit der Bevölkerung während des Einsatzes. Bürgermeister Pfeifer betonte, dass die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt gefährdet war, da der Brand relativ weit von der nächsten Siedlung entfernt lag. Beeinträchtigungen für Ruhpolding und die Umgebung entstanden vor allem durch die Rauchentwicklung. Umso wichtiger seien schnelle, verlässliche und gut erreichbare Informationswege gewesen. Social Media und die Gemeinde-App hätten sich als besonders wirksame Kanäle erwiesen, um Informationen rasch zu verbreiten und viele Menschen zu erreichen. Gleichzeitig zeigte das Beispiel: Je besser die Bevölkerung informiert und auf dem aktuellen Stand gehalten wird, desto weniger behindern Schaulustige oder unbeteiligte Personen die eigentlichen Löscharbeiten.

Das Partnertreffen im Chiemgau zeigte eindrücklich, wie wichtig der direkte Austausch zwischen Gemeinden, sozialen Einrichtungen, Rettungsorganisationen wie Feuerwehr oder Rotes Kreuz und Verwaltung ist. Die Erfahrungen aus Unterwössen und Ruhpolding fließen in die weitere Arbeit von CLIM·IN ein. Ziel ist es, kleine Gemeinden in Europa mit praxisnahen Materialien, Lernangeboten und Werkzeugen dabei zu unterstützen, Klimavorsorge inklusiv, verständlich und alltagstauglich zu gestalten.